Endlich wieder unter Strom

 
Am 26. Mai 2013 konnte die Landeseisenbahn Lippe endlich den Erfolg von Arbeiten feiern, die sich insgesamt über vier Jahre erstreckt und immer wieder neue, unerwartete Hindernisse aufgeworfen hatten: Die E-Lok Nr. 22 der Verkehrsbetriebe Extertal (VBE) fuhr erstmals wieder aus eigener Kraft unter neu installiertem Fahrdraht auf einem Teilabschnitt ihrer Heimatstrecke zwischen Bösingfeld und Alverdissen.

Dabei standen die hiermit zusammenhängenden Vorhaben zunächst unter denkbar ungünstigen Bedingungen. Die Lok 22, in Dienst gestellt 1927 zur Eröffnung der Extertalbahn als Gütertriebwagen Gt 22 und umgebaut bzw. modernisiert zuletzt Mitte der 1960er Jahre infolge eines schweren Unfalls *, hatte im Dezember 2008 ihren letzten Betriebsmonat vor Ablauf der HU-Fristen. Ganz zu Anfang dieser letzten HU-Periode hatte die Lok sogar noch im Übergabe-Güterverkehr im Extertal gestanden, danach war sie ausschließlich bei den Museumszugfahrten der LEL eingesetzt. Eine Übereignung an den gemeinnützigen Trägerverein der LEL, den Historischen Verein zur Erhaltung der Eisenbahnen in Lippe e.V. (HVEEL), war gleichwohl nicht zustande gekommen.

E22 im Zustand ihres letzten Einsatzjahres vor der HU

Nach sorgfältiger Abwägung der Vor- und Nachteile sowie der finanziellen und betrieblichen Perspektiven und Risiken fasste die Hauptversammlung des für die Fahrzeugverwaltung zuständigen HVEEL im Februar 2010 den einstimmigen Beschluss, die VBE-Lok in Eigenleistung einer neuen Hauptuntersuchung zu unterziehen, nachdem von der VBE mangels eigenen Interesses an dem Fahrzeug keine weitere Initiative ausgegangen war. Als Projektleiter benannte die Versammlung Herrn Dipl.-Ing. Bernd Rehm, langjährigen Geschäftsführer und Betriebsleiter der VBE und als solcher der denkbar beste Ansprechpartner für ein derartiges Projekt. Unter seiner Führung sollten zahlreiche LEL-Aktive zukünftig an der Aufarbeitung mitwirken.

Im Vorfeld war es bereits zu umfassenden Planspielen gekommen, um insbesondere ein stimmiges Finanzierungskonzept erstellen zu können. So verbuchte der HVEEL noch im Jahr 2009 die Bewilligung von 5000 Euro als Denkmalförderung des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe für die Antriebseinheiten als ersten Hauptuntersuchungsabschnitt, wobei diese Teilarbeiten bis zum Ende des Jahres 2010 abgeschlossen sein mussten.

Um dieses Ziel zu verwirklichen, wurde die E22 zu Ostern 2010 aus ihrem Dornröschenschlaf geholt und von der LEL-Lokhalle in den letzten verbliebenen Schienenwerkstattstand der VBE-Halle rangiert. Dort fand zunächst die Trennung von Lokkasten und Fahrgestell statt, sodass insbesondere an den beiden Antriebsdrehgestellen unabhängig gearbeitet werden konnte. Die insgesamt vier Fahrmotoren der Lok (einer je Achse) wurden nun umfassend zerlegt, gereinigt, neu isoliert und geschmiert. Als besonders aufwändig erwies sich hierbei die Erneuerung der Gleitlagerschalen in den Tatzlagern.

Parallel hierzu wurden die weiteren Anbauteile der Drehgestelle einer gründlichen Überprüfung und ggf. Erneuerung unterzogen. Insbesondere die Bremsanlage erfuhr eine Revision. Beim Bremsgestänge wurden die schadhaften Bolzen getauscht, wobei festgestellt werden musste, dass diese Teile kein Normmaß aufwiesen. Sie mussten zunächst manuell nachgefertigt werden, was allein zu einer Verzögerung von drei Wochen führte. Ferner erforderlich war die sorgfältige Reinigung der Drehgestelle, insbesondere der Motoraufnahme sowie die Prüfung auf Risse und schadhafte Niete im Drehgestellrahmen. Zum Abschluss der Arbeiten wurden Motoren und Drehgestelle schließlich in schwarz neu lackiert; ein erster Schritt hin zum beabsichtigten historischen Erscheinungsbild der E22 aus den 1960er Jahren nach dem Umbau.

Gleichzeitig konnte durch die Mitwirkung insbesondere der LEL-Jugendgruppe schon die erste Überprüfung und Reinigung der Dachisolatoren und -widerstände der E22 vorgenommen werden.

Letztendlich hat der hervorragende Einsatz aller Aktiven dazu geführt, dass die Förderbedingungen erfüllt und alle hierfür relevanten Arbeiten pünktlich zum Jahresende 2010 abgeschlossen werden konnten.

Doch an eine erste Fahrt war noch lange nicht zu denken. Die Lok blieb in der VBE-Werkstatt, um sich nun einer optischen Aufarbeitung zu unterziehen.

Die verschiedenen Lackierungsvarianten der E22 von 1927 bis 2010

Lok 22 während der Lackierungsarbeiten in der VBE-Werkstatt

Innen wie außen wurde zunächst gründlich aufgeräumt und gereinigt, um dann Rolle und Pinsel zu schwingen und das angestrebte Erscheinungsbild der 1960er Jahre wieder herzustellen. Besonders aufwändig gestaltete sich hierbei die Rekonstruktion des historischen EAG-Logos mit dem Flügelrad, dessen Vorlagen nicht mehr vorhanden sind. Eigens hierfür wurde anhand von Originalfotos mit dem Computer eine Schablone konstruiert und durch einen Fachmann mit ruhiger Hand und Erfahrung in der Kunst des Schablonenmalens passgenau auf den Außenseiten angebracht.

Im Februar wurde „Hochzeit“ gefeiert und Fahrgestell und der Wagenkasten wieder auf das Fahrgestell aufgelegt. Derweil begannen die Aktiven, das elektrische Bordnetz für Licht, Scheibenwischer, Sifa und Betriebsfunk zu überholen. Diese Arbeiten liefen bis Ostern 2011, wurden dann aber zunächst für eine vordringlichere Hauptuntersuchung am Abteilwagen unterbrochen.

Als die LEL Aktiven schließlich im Sommer 2011 ihre Arbeiten an der E22 wieder aufnehmen wollten, warf ein herber Rückschlag alle Planungen in Sachen E-Traktion zu Boden: Insgesamt dreimal wurde auf zusammen rund einem Kilometer Länge die elektrische Oberleitung geklaut. Der Verein musste sich hier zunächst die Frage stellen, ob das gesamte Vorhaben überhaupt noch zu realisieren war, denn der letzte überhaupt noch durchgehend elektrifizierte Abschnitt der Extertalbahn hatte durch diese Eingriffe starke Schäden genommen.

Durch das maßgebliche Engagement des Projektleiters Bernd Rehm wurde recht kurzfristig im Hintergrund eine Initiative geformt, die dem Verein die Wiederinbetriebnahme der elektrischen Oberleitung im Extertal abnahm. Immerhin steht die Extertalbahn genau wie die Lok selbst nicht im Eigentum des HVEEL oder der LEL, sodass eine Investition aus Vereinsmitteln hier nicht angezeigt war. Durch gute Zusammenarbeit mit der VBE und dem Energielieferanten e.on Westfalen-Weser konnte hier eine Kooperation erzielt werden, die im Jahr 2012 eine VBE-Mannschaft mit dem LEL-Turmtriebwagen zur professionellen Fahrleitungsinstandsetzung hervorbrachte. Restarbeiten nach Auslauf dieses Projekts konnten dann noch zeitgerecht von LEL-Aktiven erledigt werden.

Auch die verbliebeneBlick in einen der frisch restaurierten elektrischen Fahrschaltern technischen Arbeiten an der E22 wurden von den LEL-Aktiven, inzwischen in neuer Zusammensetzung, im Laufe des Jahres 2012 weiter vorangetrieben, nachdem sich die Fertigstellung der benötigten Fahrleitung realistisch abzeichnete. Auf dem Dach der E22 wurde der Stromabnehmer montiert, im Innenraum konnte derweil die Druckluftanlage erneuert und komplettiert werden. Scheibenwischer, Sandstreuer, Läutewerke und Pfeifen funktionieren nun genauso wieder wie die – im Betrieb unerlässliche – Zugbremse und die Lokbremse. Der für die Versorgung vorhandene Hauptluftbehälter ist glücklicherweise noch mit Frist bis 2016 über jede Untersuchung erhaben.

Auch an der elektrischen Ausrüstung ging es weiter. Beide elektrischen Fahrschalter wurden komplett gereinigt und einige Kontaktplatten ausgetauscht, was viel Geschick und Feinmechanik erforderte. Zunächst mussten die alten Platten herausgeschraubt, anschließend die neuen Platten gebohrt und angesenkt werden. Dann konnten sie mit Spezialschrauben wieder in das Schaltwerk eingeschraubt werden. Auch die Tachometeranlage wurde überarbeitet und wieder eingebaut sowie neue Batterien für die Bordspannung.

Erste Rollprobefahrt der E22 nach vier Jahren AufarbeitungAm 12.04.2013 konnte eine erste Rollprobe im Schlepp der Diesellok stattfinden, die glücklicherweise keine gravierenden Mängel offenbarte. Gewisse Restarbeiten erwiesen sich an diesem und den folgenden Tagen bei den ersten Belastungsfahrten auf der Steilstrecke Richtung Alverdissen als notwendig. So musste insbesondere an den neuen und noch nicht eingelaufenen Achslagern nachjustiert werden.

Gleichzeitig liefen die Verhandlungen zur Einspeisung der benötigten Mittelspannung in das Bösingfelder Unterwerk auf Hochtouren. So konnte schließlich gemeinsam mit der Fertigstellung der E-Lok 22 am letzten Maiwochenende 2013 auch erstmals wieder „Saft“ auf die elektrische Oberleitung gegeben werden.

Der 25.05.2013 brachte dann schließlich das im Aktivenkreis feierlich begangene Roll-Out der E22 zur ersten Fahrt aus eigener Kraft. Zur großen Zufriedenheit und Begeisterung aller LEL-Aktiven ließ sich die alte Dame anstandslos auf dem Hof hin- und herbewegen, um schließlich am ersten Saisonfahrtag 2013, dem 26. Mai, bei nicht ganz so angemessenem Wetter zum Bahnhofsfest in Alverdissen die feierliche Einweihung der neuen alten Elektrobahn begehen zu können. Seither rollt die E22 wieder planmäßig für die LEL auf den Extertaler Gleisen und ihre nächste HU-Periode ist erst einmal gesichert.

Die LEL wünscht „ihrer“ historischen Elektrolok Nr. 22 auf der Strecke im Extertal immer einen Meter Fahrleitung über dem Stromabnehmer und allzeit gute Fahrt!

E22 im abendlichen Sonnenuntergang vor dem Reisezug in Bösingfeld

Golo und Raphael Kahlert im August 2013

*) Vertiefte Informationen zur Geschichte der E22 finden Sie im neuen Buch „Mit der elektrischen Extertalbahn von Rinteln nach Barntrup“ von Ludger Kenning.