Ein Schmuckstück entsteht

Ende des Jahres 2000 stand die fällige Generalaufarbeitung unseres Thekenwagens, der "Donnerbüchse", an. Seit dessen Aufarbeitung und Herrichtung 1988/89 stand dieser Wagen als wichtigstes Fahrzeug für den Service am Fahrgast praktisch ununterbrochen im Einsatz und wurde nur zu den Fahrwerks- und Bremsuntersuchungen kurz aus dem Dienst gezogen.
Buchstäblich im allerletzten Moment, bevor wir Hand anlegten, wurden wir in der VDMT-Such- und Angebotsliste auf ein Wagenangebot der Eisenbahnfreunde Olpe aufmerksam: "Ehemaliger Speisewagen Gattung WR4Ü, Baujahr 1936, zur Zeit Ausstellungswagen für eine Modelleisenbahnaustellung, Teile der alten Bestuhlung vorhanden...". Recht schnell kam die Idee auf, statt der zweiachsigen Donnerbüchse diesen Wagen als Vierachser, noch dazu als stilechten ehemaligen Speisewagen der Mitropa, als Alternative zur Aufarbeitung der Donnerbüchse in Erwägung zu ziehen. Am 9. Januar 2001 wurde ein Ortstermin in Olpe vereinbart.

Der alte ThekenwagenDer Wagen erweckte auf den ersten Blick einen schlimmen Eindruck. Wie uns Thomas Meinerzhagen, Geschäftsführer der Eisenbahnfreunde Olpe, mitteilte, war der Wagen unmittelbar zuvor in der Silvesternacht zusammen mit den übrigen Wagen der Eisenbahnfreunde das Ziel einer Graffiti-Attacke geworden.

Im Inneren präsentierte sich der Wagen in etwas brauchbarerem Zustand. Von der Originalbestuhlung fanden sich noch Reste im ehemaligen Raucher-Abteil, jedoch waren der Nichtraucher-Speiseraum sowie die komplette Küche vor langer Zeit entfernt worden, und man hatte hier die Modelleisenbahn in Spur H0 eingerichtet. Fahrwerksseitig schien der Wagen noch brauchbar, zumal er seit seiner letzten Hauptuntersuchung 1992 bei Fa. Kiffe in Münster kaum noch Laufleistung erbracht hatte. Nun war schnelles Handeln gefragt. Einerseits sollte der Wagen sofern man sich für ihn entscheiden wollte nicht länger als notwendig im Bereich Olpe das Ziel weiterer sinnloser Zerstörung werden. Zum anderen standen die Arbeiten an der Donnerbüchse an, die man nun entweder angehen oder komplett ablasen musste. Der Vorstand des HVEEL entschied, statt der Donnerbüchse dem Speisewagen den Vorzug zu geben. Er würde besser ins Zugbild passen als die Donnerbüchse, mehr Sitzplätze aufweisen und auch im so wichtigen Service- und Küchenbereich einiges an neuen Möglichkeiten mit sich bringen. Immerhin ist so ein Schnellzugspeisewagen fast zehn Meter länger als eine Donnerbüchse. Gleichzeitig mit den Bemühungen um den Kauf des Speisewagens musste auch ein Käufer für die Donnerbüchse gesucht werden, denn dieser Wagen hatte somit bei uns keine Zukunft mehr. Die niederländische "Stichting Stadskanaalrail" hatte großes Interesse und konnte sich auch schnell dazu durchringen, den Wagen zu erwerben.

294 294 mit dem Speisewagen in LemgoAm 9. Februar 2001 konnten wir bereits die Überführung der beiden Wagen angehen. Mit einer geliehenen Diesellok der Baureihe 294 aus dem Wochenend-Stillager in Hamm machten wir uns auf den Weg nach Olpe, hier den Speisewagen aufzunehmen und nach Lemgo zu überführen. In Bösingfeld startete etwas später am Vormittag unsere Köf mit der Donnerbüchse am Haken. In Lemgo wurden dann die Wagen getauscht, während die 294 294 die Donnerbüchse auf ihrem Rückweg nach Hamm bis Herford mitnahm, zog die Köf 6815 den neuen Speisewagen hinauf ins Extertal.

Vollgeschmiert auf ganzer LinieNach seiner Ankunft in Bösingfeld begann langsam die Aufarbeitung des Wagens. Allererste Arbeit noch im Februar war die Unkenntlichmachung des Graffitis, bevor dieses auch im Extertal Freunde oder noch schlimmer Nachahmer finden würde. Anfang März wurden bereits große Teile der Verglasung erneuert.Die Hauptarbeiten am Wagen begannen allerdings erst im April nach der Fertigstellung und Vorstellung der neuen Dampflok "Emil Mayrisch N.3".

Zunächst wurde ein großer Schrottcontainer bestellt und der Wagen in großen Teilen entrümpelt. Zuerst wanderte die komplette Wandverkleidung, die auf der Seite hinter der Modelleisenbahn-Hintergrundlandschaft angebracht war, in den Müll. Diese hatte lange Jahre Feuchtigkeit gezogen und war in weiten Teilen morsch und schimmelig. Aber auch von der anderen Seite des Wagens wurden viele Teile der Wandverkleidung entsorgt und nur die besten Stücke wurden als Muster oder Ersatzstücke für das hintere Raucherabteil verwendet.

Beim Sandstrahlen war der Wagen in Staub gehülltNach dem "Ausschlachten" folgte Anfang Juni das Sandstrahlen. Von innen wurde der komplette Küchenbereich und Teile des Nichtraucher-Speiseraumes gestrahlt, von außen der Wagenkasten im Langträgerbereich, die Pufferbohlen sowie die Batterie- und Vorratskästen. Nachdem eine Schicht Grundierung als Witterungsschutz aufgebracht war, untersuchten wir die zutage getretenen Schäden genauer.

Ergebnis war die Notwendigkeit, zahlreiche Bleche austauschen zu müssen. Der Rost hatte sich zwischen die Träger und die Außenbeblechung gearbeitet und diese teilweise abgesprengt. Hatten wir anfangs noch versucht, nur die schlimmsten Stellen auszubessern, kamen wir nach wenigen Tagen zu dem Entschluss, dass ein "Mehr" hier ein "Weniger" bedeutet: Statt vieler kleiner Flicken sind wir dazu Übergegangen, die schadhaften Stellen großfächig auszutauschen. Letztlich haben wir somit praktisch beide Wagenseiten entlang des Langträgers neu beblecht.

Kleinere Arbeiten waren auch im Bereich der Fensterkanten und -umbüge notwendig, wo sich im Laufe der Zeit Regenwasser niedergeschlagen hatte. Diese Arbeit hat uns während des Sommers 2001 beschäftigt, und im Herbst stand der Wagen in komplett grundiertem und blechseitig erneuertem Zustand im Bahnhof Bösingfeld. Nun ging es an den Innenausbau.

Zunächst wurden die fehlenden Zwischenwände zur Küche und zwischen dem Wirtschaftstrakt und dem Nichtraucher-Speiseraum neu gesetzt. Parallel hierzu wurde der Fußbodenbelag im Küchenbereich erneuert und anschließend gefliest, und die Wärmeisolierung des gesamten Wagenkastens ebenfalls erneuert. Weitere parallele Arbeiten waren der Einbau der neuen Warmluftheizung, die beim weiteren Fortgang der Arbeiten im Winter 2001/02 schon gute Dienste leistete, sowie der völlige Neuaufbau der Wagenelektrik. Noch bis zum Frühlingsanfang hatten wir zudem die alten, noch brauchbaren Deckenverkleidungen gründlich gesäubert und die Dachlüfter gereinigt.

Am Wochenende 19. - 22. April 2002 haben wir einen weiteren Meilenstein zur Wiederinbetriebnahme des Speisewagens erreicht. In diesen Tagen, von Freitag bis Montag, wurde die Fahrwerks- und Bremsuntersuchung des Wagens in der VBE-Werkstatt durchgeführt. Der Wagenkasten wurde gehoben und die Drehgestelle ausgefahren. Nach der abschließenden Ultraschalluntersuchung und der Erneuerung einiger verschlissener Teile wurde der Waggon wieder zusammengesetzt.

In den nächsten Wochen wurde der Innenausbau weiter vervollständigt. Am 1./2. Juni 2002 stand das 13. Deutsche Draisinen-Treffen auf dem Programm, und der Wagen sollte hier seine "Feuertaufe" als Getränkestand erleben. Bei dieser Gelegenheit wollten wir erstmals die Einrichtung der Küche und der Theke probieren.

Nachdem der Wagen diese Bewährungsprobe bestanden hatte, ging es an die Restarbeiten. Der Endlack wurde auf- und die Wagenbeschriftung angebracht, die Wandverkleidungen im Nichtraucher-Speiseraum erneuert, der Fußbodenbelag neu eingebracht, Sitze und Tische neu angefertigt. Die Fensterrahmen mussten neu angefertigt werden, die Wasseranlage angepasst und die Gasanlage komplett neu eingebaut werden. Langsam rückten die Nikolausfahrten näher, zu denen der Wagen fertiggestellt sein sollte.

Am 7. November 2002 nahm der Wagen die letzte Hürde zur Wiederinbetriebnahme, nämlich die Abnahme durch einen Sachverständigen des EBA. Diese Hürde nahm der Wagen letztlich mit Bravour. Anhand der umfangreichen Dokumentation aller Arbeiten wurde allen aktiv Beteiligten der Wagenaufarbeitung ein großes Lob von Seiten des Sachverständigen ausgesprochen.Im Jahre 2003 standen noch einige Restarbeiten im Wagen an. Die Jalousien wurden noch eingebaut, auch die Fensterhebevorrichtung im Innenraum fehlte noch. In der Küche wurde die Wärmeisolierung des Wasserbehälters zum Schutz gegen Schwitzwasser verbessert, und auch die Ablüftung wurde leistungsmäßig optimiert. Ansonsten hat der Waggon die Erwartungen unserer Fahrgäste und natürlich der Personale voll erfüllt.

Unser Dank gilt zum einen den zahlreichen Spendern und Sponsoren, die durch ihre finanziellen oder materiellen Zuwendungen die Aufarbeitung des Wagens erst ermöglicht haben; der VBE, die uns mit Werkstatt, Spezialwerkzeug und viel Verständnis unterstützt hat, sowie vor allem unseren aktiven Mitgliedern, die diesen Wagen ausschließlich in Freizeitarbeit in einer unerhört großen Anzahl Arbeitsstunden wieder hergerichtet haben.

 

Im Jahre 2011 erhielt der Wagen eine neue HU, neben umfangreichen Arbeiten am Fahrwerk, wurden im Raucherabteil die Wandplatten, die zum Teil noch die orginalen waren, erneuert.

Matthias Sievers, 28. Januar 2003